Gnade: Frau hilft Mann aus dem Gefängnis, der sie angeschossen hat.

Wir schreiben das Jahr 1990: Debbie Bairgrie lebt mit ihrer Familie im amerikanischen Tampa im südlichen Bundesstaat Florida. Sie hat vor Kurzem ihr zweites Kind auf die Welt gebracht und ist nach langer Zeit zum ersten Mal wieder abends mit Freundinnen unterwegs. Sie ist glücklich und freut sich auf ein gemütliches Beisammensein. Damals ahnt sie nicht, dass dieser Abend ihr ganzes Leben verändern wird ...

Sie ist, nachdem sie sich von ihren Freundinnen verabschiedet hat, auf dem Heimweg, als sich von hinten plötzlich eine finstere Gestalt nähert und „Hände hoch!“ schreit. Debbie dreht sich erschrocken um und blickt in den Lauf einer Pistole. Noch bevor die junge Frau Zeit zum Reagieren hat, drückt die Gestalt den Abzug. Eine Kugel reißt ein Loch in ihren Kiefer, zertrümmert dabei ihre unteren Zähne und zerfetzt ihre Zunge. Danach erinnert sich Debbie nur noch verschwommen an Details.

Sie wird sofort in die Notaufnahme gebracht, wo klar wird, dass sie im wahrsten Sinne des Wortes nur ein paar Zentimeter am Tod vorbeigeschrammt ist. Drei Tage später – Debbie liegt noch im Krankenhaus – wird der Täter gefasst. Sein Name: Ian Manuel. Er wird für eine Reihe verschiedener Verbrechen verhaftet und gibt schnell zu, Debbie angeschossen zu haben. Zunächst ist Debbie froh, dass ihr Angreifer gefasst wurde, doch dann ist sie geschockt. Denn Ian ist gerade einmal 13 Jahre alt. Debbie ist fassungslos. Wie kann ein Kind solch eine brutale Tat begehen? Wie kann ein Kind einfach so ihr Leben ruinieren?

Youtube/USNews24

Aufgrund der Schwere des Verbrechens wird Ian zu lebenslanger Haft verurteilt. In den USA gibt es in den 1990er-Jahren noch die Möglichkeit, auch minderjährige Straftäter zu lebenslangen Haftstrafen zu verurteilen. Auch in Ians Fall möchte der Richter ein Exempel statuieren. Ein Jahr später kämpft Debbie immer noch mit den Folgen des Angriffs. Ihre Wunden sind verheilt, doch sie hat weiterhin panische Angst im Dunkeln, traut sich nicht allein auf die Straße. Da erhält sie eines Tages einen Anruf.

Die Stimme am anderen Ende kommt ihr auf grausame Weise bekannt vor: „Hallo Miss Bairgrie, hier spricht Ian. Ich rufe an, weil ich mich dafür entschuldigen möchte, dass ich auf sie geschossen habe. Es tut mir leid. Ich wünsche Ihnen und Ihrer Familie frohe Weihnachten.“ Darauf war Debbie nicht vorbereitet. Sie hätte niemals damit gerechnet, dass sich ihr Angreifer einmal persönlich bei ihr entschuldigen würde. Mehr noch, sie ist beeindruckt, wie viel Überwindung es den Jugendlichen gekostet haben muss, seinen Stolz und seine Scham zu überwinden und tatsächlich bei ihr anzurufen.

Ian beginnt schließlich, Debbie Briefe aus dem Gefängnis zu schreiben. Er beschreibt seinen Alltag im Gefängnis und erzählt, wie stark ihn seine Schuldgefühle plagen. Debbie schreibt zurück, ermutigt ihn, sein Leben zu ändern. Sie erzählt: „Als ich seine Zeilen gelesen habe, dachte ich nur: Wow, dieser Junge ist echt clever! Er sollte sein Leben nicht verschwenden. Er war nicht nur klug, es tat ihm ehrlich leid.“

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Sie schreiben sich zehn Jahre lang regelmäßig. In dieser Zeit unterzieht sich Debbie mehreren Operationen, bei denen ihr Gesicht wiederhergestellt wird. Gleichzeitig sitzt Ian die meiste Zeit in Einzelhaft, da er so viel jünger als die anderen Häftlinge ist. Doch die Isolation zehrt an seiner Psyche. Aber auch, als er später zu den anderen Häftlingen verlegt wird, kommt er nicht mehr mit so vielen Menschen zurecht. Also kehrt er bald wieder in die Einzelhaft zurück.

Irgendwann unterschreibt Debbie ihre Briefe mit „Deine Freundin“. Das gibt ihm Kraft zum Durchhalten. Gleichzeitig engagiert sie sich in einer Organisation, die sich um die Rechte von Häftlingen einsetzt. Denn für Debbie ist klar, dass Ian nicht für den Rest seines Lebens ins Gefängnis gehört. 2010 ist es so weit: Eine Entscheidung des Obersten Gerichtshofes hebt lebenslange Haftstrafen für Jugendliche auf. Debbie sagt später: „Ich wusste, dass ich ihm helfen musste, damit sein Leben nicht verloren ist. Ich habe mein Leben nicht verloren, seine Strafe war völlig überzogen.“

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Es dauert noch bis zum November 2016 – Ian ist mittlerweile 39 Jahre alt –, bis er endlich entlassen wird. Debbie steht mit klopfendem Herzen an einer Tankstelle, wo sie ihn abholen wird. Debbie fühlt sich für ihn verantwortlich. Die beiden reden sehr lange miteinander: über die Zukunft, über seine Ängste, über Hoffnung. Debbie zeigt ihm Bilder von ihren Töchtern, die mittlerweile erwachsen sind. Es ist ein bewegender Moment für die beiden.

Am Ende vergibt Debbie ihrem Angreifer, sie führen ihre Freundschaft auch außerhalb der Gefängnismauern weiter. Bis heute können viele Menschen aus Debbies persönlichem Umfeld dies nicht verstehen. Immer wieder trifft sie auf Unverständnis, doch die beiden lassen sich davon nicht beirren. In folgendem Video wird ihre ganze Geschichte ausführlich erzählt (auf Englisch):

Was für eine unglaubliche Story! Das einstige Opfer hilft seinem Angreifer nicht nur aus dem Gefängnis, sondern freundet sich mit ihm an! Doch Debbie ist überzeugt: „Wir alle machen Fehler. Jeder versucht, sein Leben so gut wie möglich zu leben. Wir müssen lernen zu vergeben, denn es hilft uns auch, selbst zu heilen.“

Quelle:

Shareably

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