Frau löst sich aus gewalttätiger Beziehung und schreibt offenen Brief.

Eine neue Liebesbeziehung fühlt sich oft an wie ein von Glück erfüllter Rausch – aber was, wenn man sich eines Tages umsieht und mit Entsetzen feststellen muss, dass eine Partnerschaft sich schleichend in einen furchtbaren Alptraum verwandelt hat, aus dem ein Entkommen unmöglich scheint?

Elaine Mastrodomenico aus São Paulo, der größten Stadt Brasiliens, musste diese schlimme Erfahrung machen. Was sie jetzt auf Facebook veröffentlicht hat, spricht allzu vielen Menschen aus der Seele ...

„Mein Name ist Elaine und ich bin 23 Jahre alt. Ich wäre so gerne wieder 22 und wollte, ich könnte aus meinem Leben streichen, was im letzten Jahr passiert ist.

Ich habe lange darüber nachgedacht, ob ich über mein Leben schreiben soll oder nicht, und entschieden, dass ich es tun werde. Ich muss mitteilen, was mich so gequält hat und so irgendwie anderen Frauen helfen, die dasselbe durchmachen.

Ich spreche über ungesunde Beziehungen und über Gewalt gegen Frauen. Gebt euch niemals selbst die Schuld! Ich weiß, dass Ihr, genau wie ich, eine Menge Schuldgefühle und Angst in Euch tragt.

Es gibt Dinge, die wir nicht erklären können, es gibt Dinge, die wir nicht verstehen, warum müssen wir so etwas in unserem Leben durchmachen? Seid Euch einer Sache sicher: Nur IHR SELBST könnt Euch daraus befreien. Nur IHR könnt dieses Leiden beenden! Seid stark!

Es ist jetzt zwei Monate her, dass ich aus etwas entkommen bin, von dem ich nie gedacht habe, dass ich einmal darin sein würde. Heute fühle ich mich gut genug, um meine Geschichte mitzuteilen.

Ich ging eine Beziehung mit jemandem ein, den ich für einen bezaubernden Menschen hielt – was typisch für einen Misshandler ist. Ich hatte gerade eine Beziehung beendet, die dreieinhalb Jahre gehalten hatte. Eine echte Beziehung, und heute erkenne ich, wie gut ich seinerzeit respektiert und behandelt worden war.

Ich war ein glückliches Mädchen, ich war ein eitles Mädchen, ich war ein fleißiges und gewissenhaftes Mädchen auf der Arbeit. Heute schaue ich in den Spiegel und möchte wieder dieses andere Mädchen sein. Dank einer Therapie bin ich wieder auf dem Weg zurück zu meinem alten Selbst.

Mutter, es tut mir leid, dass ich schwach war. Ich wurde gedemütigt und misshandelt, ich habe Menschen wehgetan, die mein Bestes wollten, ich war blind und habe geglaubt, ich sei verliebt. Ich habe seinen Versprechen und seinen Entschuldigungen geglaubt.

Ich glaubte wirklich, ich wäre doch dumm, wenn ich ihm nicht verzeihen würde. Schließlich würde ich einen liebevollen Mann verlieren, der für mich sorgte und der mir sagte: 'DU BIST DIE FRAU MEINES LEBENS.'

Wie konnte ich in solch einen Teufelskreis geraten? Leider bin ich dort kopfüber und mit Anlauf hineingesprungen!

Der Misshandler sieht dir in die Augen und überzeugt dich, dass er dir so viel Liebe entgegenbringt, dass du dumm wärest, würdest du ihn verlassen. Es tut ihm leid, und es kann nicht seine Schuld sein, dass er dir wehgetan hat, es muss deine Schuld sein. Ganz egal, wie oft dieser Kreislauf sich wiederholt.

Er hat das mehrfach wiederholt, mich gequetscht, geschüttelt, mich in den Bauch getreten, in den Nacken geboxt, gegen den Arm geboxt, mich geohrfeigt, mir ins Gesicht gespuckt ... Seine Eifersucht brachte ihn dazu, paranoid zu werden und mir Dinge zu unterstellen.

Seine Ausbrüche liefen immer nach demselben Muster ab: Liebe, Explosion, Entschuldigungen, Liebe, Explosion, Entschuldigungen ...

Der Misshandler sorgt dafür, dass du mit ihm mitfühlst, weil ER die Kontrolle verloren hat, noch bevor du Gelegenheit hast, etwas für dich selbst zu fühlen. Ich fühle mich schuldig. Ich dachte außerdem, ich hätte es wirklich verdient, dass er mich beschimpft und beleidigt.

Ich habe viele Dinge aus seinem Mund gehört, die wiederzugeben ich mich schäme. Ich wurde still. Ich liebte ihn. Man hielt mich für dumm.

'Miststück', 'Stück Scheiße', 'Du bist das Letzte', 'Ich will dich in Stücke reißen', 'Du bist tot'.

Ich war tatsächlich tot. Er hat mein Inneres getötet. Ich ging nirgendwo mehr hin, sprach mit niemandem mehr. Ich lebte für einen Menschen, der mich misshandelte.

Meine neuen Freunde waren seine Freunde. Ich hatte Angst vor ihm und davor, was er denken würde, wenn ich mit meinen Freunden ausgehen würde. Ich blieb daheim, um Streit zu vermeiden, um meine Liebe zu beweisen. Um zu schauen, ob er mich noch einmal 'Liebste' nennen würde anstatt 'Schlampe'.

Ich war ein 'Miststück', als ich zum Bäcker ging, ich war ein 'Miststück', als ich mich mit meiner Schwester traf, ich war eine 'Kuh', als ich verschlief und vergaß, ihn zu wecken, ich war eine 'Schande', als ich ins Kino ging und für ein paar Stunden nicht auf mein Handy schaute. Ich versuchte alles, um es ihm recht zu machen. Aber ich konnte es nicht!

Ein manipulativer Misshandler überzeugt dich, dass es alles deine eigene Schuld ist. Selbst dann, wenn du dir sagst, dass du nichts falsch gemacht hast, ist es trotzdem deine Schuld, weil du nicht gut genug für ihn bist, nicht genau das, was er will.

Ich war sehr erschöpft davon, alles in meiner Macht Stehende zu tun, um ihm zu gefallen und doch immer wieder zu scheitern. Was sollte ich sonst auch tun?

Alles ist meine Schuld! Er ist nun einmal so und er wird sich nie ändern. Darum habe ich beschlossen, meine Geschichte niederzuschreiben. Heute verstehe ich, dass Tausende von Frauen dasselbe durchmachen wie ich.

Ich habe versucht, mich umzubringen, weil es so wehtat, diese Dinge über mich zu hören, aber heute fühle ich mich so viel besser. Ich bin darüber hinweg. Ich wollte darüber hinwegkommen! Ich habe meine Augen geöffnet.

Und ja, ich habe all meinen Mut zusammengenommen und ihn angezeigt. Bleib stark, Mädchen! Wenn du auch so etwas durchmachst, hab keine Angst! Kopf hoch, vergiss nie die wunderbare Frau, die du in Wahrheit bist!“

Was Elaine durchgemacht hat, ist erschreckend „normal“ und betrifft Frauen jeden Alters und aller Gesellschaftsschichten. In Deutschland haben rund 25 % aller Frauen zwischen 16 und 85 Jahren körperliche oder sexuelle Gewalt durch Beziehungspartner erleben müssen. Das eigene Zuhause ist für Frauen oft ein viel gefährlicherer Ort als dunkle Gassen oder verlassene Parks. Frauen mit körperlichen oder geistigen Behinderungen sind sogar noch gefährdeter, von ihren Partnern misshandelt zu werden – für sie ist es noch schwerer, den Misshandler zu verlassen und allein ihr Leben neu aufzubauen.

2015 wurden mehr als 100.000 Frauen in Deutschland von ihren aktuellen oder ehemaligen Partnern misshandelt. Dabei haben 331 gewalttätige Partner versucht, „ihre“ Frauen zu töten – und es oftmals auch geschafft.

Wie Elaine es so bedrückend beschreibt, ist es nicht einfach, das zu tun, was immer wieder von misshandelten Frauen erwartet wird: den Misshandler einfach zu verlassen. Bevor der erste Schlag fällt, hat ein gewalttätiger Partner meist mit emotionalen Misshandlungen dafür gesorgt, dass das Opfer sich klein, dumm und machtlos fühlt, keine Freunde mehr hat, die ihm helfen würden, und der eigenen Wahrnehmung nicht mehr vertraut. Es scheint dann unmöglich, sich noch ein anderes Leben vorzustellen.

Gewalt in Beziehungen fängt immer mit emotionaler und verbaler Gewalt an – wenn jemand dich beleidigt, beschimpft und heruntermacht, dann verlass die Person, bevor sie eines Tages dazu kommt, dich zu schlagen!

Denn, wie die Sängerin Tina Turner, selbst Überlebende einer gewalttätigen Beziehung, es ausdrückte: What's love got to do with it? (Was hat das mit Liebe zu tun?)

Quelle:

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