Extrem: Überlebende von Flugzeugabsturz werden zu Kannibalen.

Was Carlos Páez vor fast 45 Jahren durchleben musste, hat er seitdem niemals vergessen können, aber auch nie bereut. Er weiß, dass er das Richtige getan hat, egal, wie unvorstellbar es im Rückblick vielleicht wirken mag. Im Oktober 1972 war Carlos mit seinen Kameraden von der uruguayischen Rugby-Nationalmannschaft mit dem Flugzeug unterwegs zu einem Spiel in Chile.

Ihre Maschine, eine Fairchild-Hiller FH-227, flog gerade über die Berge der Anden, als sie in heftige Turbulenzen geriet. Die jungen Männer scherzten noch gut gelaunt über das Straucheln ihres Flugzeugs, aber als die Maschine in dem Unwetter immer stärker erzitterte, erstarb das Lachen der Passagiere und machte blanker Angst Platz. 

Das Flugzeug verlor schnell an Höhe und drohte an einer Bergspitze des Gebirges zu zerschellen. Der Pilot kämpfte mit all seinem Können gegen den unvermeidlichen Absturz an. Er schaffte es trotz des Sturms, haarscharf an der Bergspitze vorbeizusteuern, anstatt sie frontal zu rammen – dies hätte für alle den sicheren Tod bedeutet. Stattdessen schrammte das Flugzeug an den Felsen entlang, die Seite der Maschine riss auf und eine der Tragflächen wurde abgerissen.

Infolgedessen klaffte plötzlich ein großes Loch im Rumpf der Maschine, durch das ein gnadenloser Sog fünf der Männer ergriff und nach draußen in den Tod riss. Panik brach aus, während das Flugzeug völlig außer Kontrolle geriet und abstürzte. Es fiel in den tiefen Schnee der Gebirgsseite und rutschte haltlos die Bergwand hinunter, bis es in einer Schneewehe stecken blieb.

Der Aufprall war verheerend. Der Pilot war sofort tot, mehrere Passagiere und der Co-Pilot wurden verletzt, Letzterer so schwer, dass er einige Stunden später unter furchtbaren Schmerzen starb. Von den 45 Passagieren starben 12 beim Absturz, fünf weitere in den folgenden Tagen – denn die Überlebenden waren schließlich ohne Hilfe und ohne Rettungskräfte völlig auf sich allein gestellt. 

Die grausame Kälte war unerträglich – die Temperatur sank in den Nächten auf bis zu minus 40 Grad Celsius. Die Männer drängten sich in dem zerstörten Flugzeug dicht aneinander, um nicht zu erfrieren, und bauten die Polsterungen der Sitze zu wärmespendenden Kissen und Decken um.

Das Funkgerät war beim Absturz weit weg von ihnen im tiefen Schnee gelandet – sie fanden es erst viel später, drei Kilometer von ihrer Absturzstelle entfernt, und konnten es trotz aller Bemühungen nicht reparieren. Stattdessen fanden sie ein batteriebetriebenes Radio in der Pilotenkabine, mit dem sie die Nachrichtenberichte über ihren Absturz hören konnten. Fest entschlossen, ihre furchtbare Situation lebend durchzustehen, harrten sie auf Rettung. Doch was sie dann in den Nachrichten hören mussten, traf sie wie ein Schlag in die Magengrube: Nach 11 langen Tagen wurde die Suche nach ihnen aufgegeben.

Am 16. Tag nach dem Unglück traf die gebeutelten Männer ein weiterer Schlag. Eine Lawine begrub die Überreste des Flugzeugs unter sich. Acht weitere Männer starben sofort, drei später an entzündeten Wunden, die sie davongetragen hatten. Auch für die unter ihnen, die es geschafft hatten, bis jetzt durchzuhalten, rückte ein unvermeidlich schreckliches Ende näher: Ihr knapper Proviant ging allmählich zur Neige. Egal, wie sparsam sie mit ihrem wenigen Essen umgingen, lange würde es nicht mehr reichen.

„In zehn Tagen hatte ich nur zehn kleine Stücke Schokolade und eine Konserve mit Muscheln“, erinnert sich der Überlebende Carlos. „Es war nichts mehr übrig.“

Dann sprach einer der Männer das aus, was alle bereits dachten, aber niemand sagen wollte: „Ich werde den Piloten essen.“

Was blieb ihnen anderes übrig? Sie konnten sich bei dem grausamen Wetter nicht weit von ihrer Zufluchtsstelle entfernen, ohne zu erfrieren. Der Hunger drohte ihnen den Verstand zu rauben. Aber unter den Toten befanden sich Freunde und Verwandte der Überlebenden – die Vorstellung, sie zu essen, war unerträglich. Sie setzten sich zusammen und berieten sich. Gemeinsam fassten sie einen Entschluss, der aus Verzweiflung entstanden war, ihnen aber ihre Menschlichkeit bewahren sollte: Sie würden das gefrorene Fleisch der Toten essen, aber nicht das von denen, die noch lebende Verwandte hatten. Aber auch diese letzte Grenze mussten sie bald überschreiten, denn es kam immer noch keine Hilfe.

Nach 62 Tagen in der eisigen Hölle wussten die Überlebenden, dass sie etwas anderes tun mussten. Die meisten von ihnen waren zu geschwächt, um den Abstieg vom Berg bewältigen zu können. Fernando Parrado, Roberto Canessa und Antonio Vizintin waren von allen noch in der besten Verfassung und gingen schließlich los, um Hilfe zu suchen.

Nach 10 Tagen der „Wanderschaft“ gelangten Fernando und Roberto an einen Fluss. Antonio war zwischenzeitlich zu schwach geworden, um die Wanderung durch den Schnee zu überstehen, und unterwegs wieder umgekehrt, um seinen beiden Kameraden mehr Proviant zu lassen und damit eine bessere Überlebenschance zu geben. Auf der anderen Flussseite sahen die beiden drei Männer auf Pferden und riefen, so laut sie konnten, aber die Reiter konnten nicht hören, was sie sagten. Aber sie sahen, wie die Männer auf die Knie fielen und verzweifelt bittende Gesten machten. Sie banden mit einem Stück Schnur Papier und Stift um einen Stein und warfen ihn zu ihnen herüber. Fernando und Roberto schrieben ihren Hilferuf auf den Zettel und warfen ihn mit dem Stein zurück über den Fluss. Die Reiter verstanden. Sie warfen den Männern noch einige Laibe Brot hinüber und eilten los, um die Polizei zu verständigen.

Endlich kam Hilfe. Am 23. Dezember 1972 wurde ein Helikopter von Fernando zur Absturzstelle gelotst und konnte sieben der Überlebenden mitnehmen, während Sanitäter bei den übrigen blieben, die noch eine weitere Nacht ausharren mussten, bis auch sie in Sicherheit gebracht werden konnten.

Insgesamt haben nur 16 der ursprünglich 45 mitreisenden Menschen überlebt.

Ein Geistlicher wurde auf den Berg gebracht, um dem, was von den Körpern der Verstorbenen noch übrig war, ein Begräbnis geben zu können. Man stellte ein Gedenkmal mit der Aufschrift „Más cerca, oh Dios, de Ti“ (auf Deutsch: „Näher, mein Gott, zu Dir“) auf, übergoss das Flugzeugwrack mit Benzin und verbrannte es.

Die Überlebenden gaben von Anfang an ehrlich zu, was sie hatten tun müssen, um nicht zu verhungern. Sie hatten scharfe Ablehnung befürchtet, aber die Reaktion der Öffentlichkeit war verständnisvoll. Auch die Familien derer, deren Leichen sie gegessen hatten, verziehen ihnen alles, was sie getan hatten. 

Durch was für eine Hölle auf Erden sind diese Menschen gegangen, und wie viel Menschlichkeit und Würde haben sich dabei bewahrt. Ganz gleich, was sie Schreckliches tun mussten, um zu überleben.

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