Diese Schwestern werden von allen gemieden und verachtet. Was aus ihnen geworden ist, lässt mir einen kalten Schauer über den Rücken laufen.

Die beiden Zwillinge June und Jennifer Gibbons erblickten am 11. April 1963 in einem kleinen Ort in Wales, Großbritannien, das Licht der Welt. Sie waren die einzigen schwarzen Kinder in dem Dorf und wurden von Beginn an von allen zurückgewiesen und verspottet – selbst unter den Gleichaltrigen fanden sie keine Freunde.

Mit der Zeit wurden die beiden unzertrennlich. Sie entwickelten ihre eigene Sprache, die kein anderer verstand, und sprachen nur noch miteinander – wenn überhaupt. Die Eltern sorgten sich sehr um ihre beiden Töchter und beschlossen, sie auf zwei unterschiedliche Internatsschulen zu schicken. Doch es half alles nichts, sobald sie wieder vereint waren, war ihre Beziehung nur noch enger.

Als Teenager begannen sie, gewaltverherrlichende Kriminalgeschichten zu schreiben. Ansonsten lebten sie ziellos in den Tag hinein und waren immerzu gelangweilt. Eines Tages schrieb June in ihr Tagebuch: „Keine Freunde. Nichts zu tun. Nichts, um die Zeit totzuschlagen.“

Irgendwann gerieten sie selbst auf die schiefe Bahn. Sie stahlen, zündelten und versuchten sich immer wieder gegenseitig umzubringen. June versuchte ihre Schwester z.B. zu erdrosseln, im Gegenzug schubste Jennifer ihre Schwester von einer Brücke. Doch sie vergaben einander.

Mit 18 Jahren wurden die beiden als psychopathisch eingestuft und in die berüchtigte Nervenheilanstalt von Broadmoor eingeliefert. Die Klinik ist in Großbritannien dafür bekannt, nur die übelsten Kriminellen zu beherbergen. Die beiden wurden in zwei getrennte Zimmer eingesperrt, trotzdem saßen sie oftmals in der gleichen Ecke in der gleichen ungewöhnlichen Sitzposition. An Tagen, an denen sich June mit Essen vollstopfte, hungerte Jennifer – und das, ohne sich absprechen zu können.

Ihre starke Bindung war selbst für die Ärzte ein Rätsel. Irgendwann versuchten Jennifer und June, sich in der Nervenklinik das eigene Leben zu nehmen, kamen aber zu dem Schluss, dass nur eine von ihnen sterben müsse, damit die andere endlich normal leben könne.

Die Journalistin Marjorie Wallace wurde auf die beiden aufmerksam, besuchte sie oft in der Anstalt und schrieb die Biografie der Zwillinge. Aus heiterem Himmel sagte ihr Jennifer bei einem der Besuche: „Marjorie, Marjorie. Ich muss sterben.“ Als die Frau nach dem Grund fragte, antwortete sie nur: „Weil wir es so beschlossen haben.“

Nach über zehn Jahren in Broadmoor sollten Jennifer und June in eine andere Einrichtung verlegt werden, die näher bei ihren Eltern lag. Doch als sie in der neuen Klinik angekommen waren, lag Jennifer bewusstlos auf dem Schoß ihrer Schwester und musste sofort ins Krankenhaus gebracht werden, wo sie nur kurze Zeit später an akutem Herzversagen verstarb. Laut der Autopsie war Jennifer eines natürlichen Todes gestorben, es gab keine Hinweise auf eine Vergiftung.

Später sagte June, dass sich ihre Schwester schon den ganzen Tag über nicht gut gefühlt hatte: „Sie hatte eine undeutliche Aussprache. Sie war müde und sagte, dass sie sterben würde.“

Nach dem Tod ihrer Schwester zeigte June keinerlei Anzeichen von Trauer. Gegenüber Marjorie sagte sie: „Ich bin frei, endlich frei. Endlich hat Jennifer ihr Leben für mich gelassen.“

Für Jennifers Grabstein verfasste sie ein Gedicht: „Wir waren einst zwei. Aus zwei wurde eins. Wir sind nicht mehr zwei. Durch das Leben sind wir eins. Ruhe in Frieden.“

Die Geschichte der beiden Zwillinge ist nicht nur unheimlich, sie ist auch unglaublich bewegend. Trotz ihrer Straftaten kommt man nicht umher, ein wenig Sympathie für die beiden Mädchen aufzubringen, die als Aussätzige aufgewachsen waren und nur einander hatten – im Leben wie im Tode.

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