Ding der Unmöglichkeit: Junger Chirurg operiert sich selbst.

Warnung: Dieser Artikel enthält Bilder, die einige Leser als verstörend empfinden könnten.

Im Februar 1961 wurde im Rahmen der 6. Sowjetischen Antarktisexpedition mit der Nowolasarewskaja-Station eine der ersten sowjetischen Forschungsstationen in der Antarktis eröffnet. Nur kurze Zeit später wurde ein Forschungsteam für ein Jahr zu dieser völlig von der Außenwelt abgeschiedenen Station entsandt.

Unter ihnen befand sich auch der 27 Jahre alte Leonid Rogozov. Leonid war ein junger und unerfahrener Chirurg, der gerade erst sein Studium beendet hatte und sich nach einem Abenteuer sehnte. Zu diesem Zeitpunkt war es für ihn noch unvorstellbar, dass er nur wenige Monate später weltweite Bekanntheit erlangen würde.

Die ersten zwei Monate der Mission verliefen für Leonid unspektakulär, seine Kollegen waren alle in bester gesundheitlicher Verfassung. Ende April begann er jedoch bei sich selbst stechende Schmerzen in der Bauchregion zu verspüren.

Als sich die Schmerzen nicht wieder legten, wusste Leonid, was sich gerade in seinem Körper abspielte: Er hatte eine Blinddarmentzündung. Bei jedem anderen hätte er das Problem in einer halben Stunde lösen können. Als einziger Arzt in einem Umkreis von fast zweitausend Kilometern und mit Kollegen ohne jede medizinische Erfahrung, blieb Leonid jedoch nichts anderes übrig, als das Unmögliche zu wagen und sein Schicksal selbst in die Hand zu nehmen.

Seine Kollegen waren gerade mit den Vorbereitungen für den 1. Mai beschäftigt, als Leonid ihnen die Hiobsbotschaft überbrachte: Er musste sich selbst operieren. Bei seinen Kollegen setzte Panik ein. Was, wenn bei der Operation irgendetwas schiefgehen würde und sie zusehen müssten, wie ihr Freund vor ihren Augen stürbe? Bei Leonid wurden die Schmerzen derweil immer stärker. Zwei seiner Kollegen, ein Mechaniker und ein Meteorologe, erklärten sich schließlich bereit, ihm während der Operation zur Hand zu gehen.

Beim Öffnen der Bauchdecke verletzte Leonid aus Versehen seinen Dünndarm. Er musste mitansehen, wie sein eigenes Blut aus der Wunde strömte und ihm die Sicht auf den Blinddarm erschwerte. Seine Hände wurden immer schwächer und zittriger; er konnte durch die Handschuhe kaum noch etwas spüren, sodass er sich entschied, sie auszuziehen und eine Infektion zu riskieren. Leonid musste alle 30 Sekunden eine kurze Pause einlegen, aber aufgeben war für ihn keine Option.

Zusätzlich musste der junge Chirurg auch seine erschrockenen Kollegen anweisen und aufmuntern – die beiden fielen beim Anblick von Blut und Gedärmen fast in Ohnmacht. Insgesamt dauerte die Operation über eine Stunde und 45 Minuten, an dessen Ende Leonid aufgrund seines hohen Blutverlusts fast selbst das Bewusstsein verlor. Leonid wies seine Kollegen daraufhin an, den Raum zu sterilisieren. Allerdings sollte es noch einige Tage dauern, bis sich sein Zustand allmählich verbesserte.

Im Frühling 1962, als das Forschungsteam endlich nach Hause zurückkehrte, war Leonid bereits eine Berühmtheit. Die Bilder seiner unfassbaren Selbst-OP waren um die Welt gegangen. Der junge Chirurg bekam daraufhin eine Stelle im St. Petersburger Krankenhaus, wo er auch bald darauf seine zukünftige Ehefrau kennenlernte. Ihm wurde später zwar angeboten, an einer weiteren Expedition teilzunehmen, Leonid lehnte jedoch ab. „Ich wurde Arzt, um anderen zu helfen“, so Leonid, „und nicht nur mir selbst.“

Leonid arbeitete bis an sein Lebensende als Arzt. Im Jahr 2000 verstarb er, seine Selbst-OP gilt jedoch bis heute als einer der beeindruckendsten Fälle in der Medizingeschichte. Ein Beweis dafür, dass nichts unmöglich ist.

Quelle:

aif.rukp.ua

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