Radioaktiv verstrahlte Frauen revolutionierten die Arbeitnehmerrechte.

Warnung: Dieser Artikel enthält Bilder, die auf manche Leser verstörend wirken könnten.

Im Jahr 1922 verstarb die amerikanische Fabrikarbeiterin Amelia „Mollie“ Maggia nach einem tragischen Krankheitsverlauf an einer Blutung ihrer Halsvene. Zuvor waren bereits Mollies Zähne verfault und ihr Zahnfleisch vereitert. Es dauerte nicht lange, bis sie ihren kompletten Unterkiefer verloren hatte. Nach dem anschließenden Bruch ihres Hüftknochens war sie für den kurzen Rest ihres Lebens ans Bett gefesselt. Laut der Sterbeurkunde starb sie zwar an Syphilis, in Wahrheit fiel Mollie allerdings einer Strahlenvergiftung zum Opfer.

Zu jener Zeit litten in den USA viele Arbeiterinnen unter ähnlichen Symptomen. Eines hatten sie aber alle gemeinsam: Sie arbeiteten für Uhrenhersteller, die radiumhaltige Leuchtfarbe benutzten. Die Frauen bemalten die Zifferblätter mit der Farbe, ohne von den Gefahren zu wissen. Auf den ersten Blick war es eine lukrative Beschäftigung. Sie verdienten dreimal so viel wie in anderen Fabriken und genossen so eine vorher ungekannte finanzielle Freiheit.

Die jungen Frauen wurden angewiesen, den Pinsel mit ihren Lippen zu spitzen, bevor sie ihn in die Farbe tunkten. Dadurch schluckten sie jedes Mal eine kleine Menge der radioaktiven Flüssigkeit. Auf mögliche negative Folgen für die Gesundheit angesprochen, wiegelten die Arbeitgeber vehement ab. In jenen Jahren wurde Radium aufgrund seiner angeblich positiven Wirkung auf den Körper u.a. auch in Zahnpasta, Make-up und Mineralwasser verwendet.

Teilweise bemalten die Arbeiterinnen sogar ihre Fingernägel und Zähne mit der Leuchtfarbe, um im Dunkeln buchstäblich zu strahlen. So erhielten sie auch ihren Beinamen „Ghost Girls“ – Gespenstermädchen.

Was die Frauen aber nicht wussten: Sie vergifteten sich allesamt. Mollies Kolleginnen litten unter verschiedenen Symptomen. Allein der bloße Hautkontakt mit Radium zerstört menschliches Gewebe, die direkte Einnahme hatte bei den Frauen jedoch noch deutlich drastischere Folgen. Einige Frauen hatten Totgeburten, andere litten unter chronischer Müdigkeit. Ihre Körper fingen regelrecht an zu zerfallen. Ihre Haut wurde zerfressen, ihre Knochen wurden porös, Tumore bildeten sich überall im Körper.

Nach den ersten Todesfällen war den Frauen bewusst, dass ihnen allen das gleiche Schicksal widerfahren würde. Doch vor ihrem qualvollen, schmerzhaften Tod wollten die Frauen die Verantwortlichen zur Rechenschaft ziehen. Nicht um ihretwillen, sondern für die rund 4.000 Arbeiterinnen, die in den Fabriken noch immer mit der Leuchtfarbe hantierten.

Die Besitzer der Unternehmen versuchten allerdings mit allen Mitteln, den Rechtsstreit hinauszuzögern. Sie finanzierten Studien, die ihre Unschuld beweisen sollten, und schreckten nicht einmal davor zurück, Mollies Tod als Gegenbeweis heranzuziehen – offiziell war sie ja wohlgemerkt an Syphilis gestorben.

Erst nach dem Tod eines männlichen Arbeiters wurde die Sache näher untersucht. Der angesehene Gerichtsmediziner Harrison Stanford Martland deckte schließlich den Zusammenhang zwischen den Erkrankungen und Radium auf, indem er in der Atemluft der Betroffenen das radioaktive Edelgas Radon feststellte. Seinen Kollegen Charles Norris und Alexander O. Gettler gelang es 1928 sogar, sechs Jahre nach Mollies Tod in ihren Knochen eine hohe Strahlenkonzentration festzustellen.

Doch es sollte noch bis 1938 dauern, bis das erste Unternehmen rechtskräftig für schuldig befunden wurde, seine Arbeiterinnen vergiftet zu haben – und das, obwohl sie alles versucht hatten, sich aus der Affäre zu ziehen. Nach einem langen Kampf hatten die Frauen gewonnen, auch wenn diesen Sieg nicht mehr alle miterleben konnten.

Dank Gesetzesreformen müssen seitdem alle Unternehmen für die Sicherheit ihrer Arbeiter Sorge tragen. Viele internationale Arbeitnehmerrechte beruhen noch heute auf diesem Präzedenzfall – obwohl die tapferen Frauen mittlerweile fast in Vergessenheit geraten sind. Mit ihrer Beharrlichkeit konnten sie aber vielen Menschen das Leben retten.

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