Aristides de Sousa Mendes rettete Tausenden das Leben

Jeder, schon einmal den Film-Klassiker „Casablanca“ gesehen hat, weiß, welche Bedeutung Portugal während des Zweiten Weltkrieges hatte: Das Land blieb bis 1944 durchgehend neutral und damit eine der letzten Routen für Menschen, die vor dem mörderischen Faschismus der Nationalsozialisten flohen.


 


Nachdem 1940 ein großer Teil Mitteleuropas von deutschen Truppen besetzt worden war, befanden sich all jene, die in einem faschistischen System als „lebensunwerte“ Staatsfeinde galten, in direkter Lebensgefahr. Die portugiesische Hauptstadt Lissabon wurde zu einem Symbol der Hoffnung, zu dem die Menschen hinstrebten, um von dort die Ausreise aus dem kriegsgebeutelten Europa zu wagen.

Die Familie Krakowiak, der aus Portugal die Flucht nach Jamaika gelang.

Um von den nichtbesetzten Gebieten Frankreichs aus nach Portugal zu gelangen, musste man Spanien durchqueren, und dafür brauchte man ein portugiesisches Visum. Dies konnte man in der portugiesischen Botschaft im französischen Bordeaux beantragen. Doch auch in Portugal herrschte eine Diktatur, der sogenannte „Estado Novo“, dessen Anführer António de Oliveira Salazar bemüht war, den Nazis zu assistieren, wo er nur konnte. Sobald der Zweite Weltkrieg begann, hatte er allen Diplomaten seines Landes untersagt, Dokumente für „Ausländer, deren Nationalität unbekannt, verworfen oder rechtsstreitig ist; Staatenlose; Juden, die aus ihrem Herkunftsland oder wo sie untergekommen waren, vertrieben wurden“, auszustellen. Nach der Besetzung Frankreichs 1940 ließ Salazar nur noch Menschen einreisen, die ein Visum für ein außereuropäisches Land hatten und die keine Juden waren. Die Situation für die Verfolgten war verzweifelt. In der Botschaft in Bordeaux aber arbeitete der portugiesische Generalkonsul Aristides de Sousa Mendes.

Er sah die Anweisung von Salazar, sah die ängstlich wartenden Menschen vor seinem Büro, und beschloss, nach seinem Gewissen zu handeln. Er sprach mit dem aus Antwerpen geflüchteten Rabbiner Chaim Kruger und bat ihn, allen Juden und anderen Hilfesuchenden in Bordeaux auszurichten, dass er jedem Menschen auf der Flucht ein Visum ausstellen werde, „ungeachtet der Nationalität, Rasse oder Religion“.

Chaim Kruger und Aristides de Sousa Mendes

Gesagt, getan. Aristides stand zu seinem Versprechen und stellte Tausende von Visa aus, mit denen er Schätzungen zufolge um die 30.000 Geflüchteten die Ausreise in sichere Länder ermöglichte und ihnen damit das Leben rettete. Er unterzeichnete bis tief in die Nacht hinein Visa. Als sein Angestellter ihn bat, doch bitte normale Öffnungszeiten einzuhalten, antwortete er: „Das können wir machen, wenn der Diktator wieder weg ist.“ Er riet dem Honorarkonsul in Toulouse, es ihm gleichzutun, und reiste selbst nach Bayonne und befahl den dortigen Beamten, jedem Flüchtenden ebenfalls ein Visum auszustellen.

Stefan Rozenfeld aus Polen, der dank dieser Visa mit seinen Eltern in die USA fliehen konnte.

Doch seine Rebellion blieb nicht unbemerkt. Die Diktatur in Portugal hatte von seinen Aktivitäten erfahren, befahl ihm, Bordeaux zu verlassen, und ersetzte ihn mit einem gehorsameren Beamten. Den Heimweg nutzte Aristides, um weitere Visa an Bedürftige zu verteilen. Er ließ weitere Flüchtende in seinem Auto mitfahren und brachte sie selbst über die spanisch-französische Grenze, bevor Salazar ihn schließlich im Juni 1940 aus seinem Amt entließ.

Direkt danach wurde verkündet, dass alle von Aristides de Sousa Mendes ausgestellten Visa von jetzt an ungültig seien. Man klagte ihn in einem Disziplinarverfahren an. Er verlor seinen Job, seine Pension und seine Lizenz als Rechtsanwalt. So konnte er nicht mehr in seinem Beruf arbeiten und seine Familie geriet rasch in Geldnot. Sie mussten nach und nach all ihre Habseligkeiten verkaufen. Nach dem Ende des Krieges beanspruchte ausgerechnet Salazar den Verdienst, Tausende von Flüchtenden durch Visa gerettet zu haben, für sich. Aristide blieb unerwähnt, geächtet und verarmt. Er starb am 3. April 1954 an den Folgen eines Schlaganfalls und einer Lungenentzündung in Lissabon. Erst seine Kinder konnten eine Rehabilitation erwirken. Ihre unermüdlichen Bemühungen waren es, die schließlich zumindest zu einer Erwähnung seiner guten Taten in einer Provinzzeitung führten.

Aristides' Tochter Joana de Sousa Mendes

Doch daraufhin wurde die Geschichte von Aristides de Sousa Mendes vielerorts aufgegriffen, jüdische Zeugen meldeten sich zu Wort und erzählten, wie er ihnen das Leben gerettet hatte. Langsam aber sicher kam ans Licht, wer für all die Visa verantwortlich war, und nach seinem Tod erhielt er die Ehre, die ihm zusteht. Doch erst im Jahr 1988 wurde er offiziell von der portugiesischen Regierung rehabilitiert und wieder in das diplomatische Corps aufgenommen.

Aristide hat sich bewusst den Befehlen einer Diktatur widersetzt, um Menschen die Flucht nach Portugal zu ermöglichen. Er ist ein Beispiel für Menschlichkeit und Mut – das absolute Gegenteil von Leuten, die später behaupteten, „nur Befehle befolgt zu haben“. Mehr Artikel zu mutigen Menschen in schlimmen Zeiten findest Du hier:

Quelle:

nytimes,

Vorschaubild: ©Facebook/Sousa Mendes Foundation

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