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Historisches

Jack Parsons legte den Grundstein moderner Weltraumraketen

Raketentechnik ist ein Wissenschaftsgebiet, in dem pure Logik und reine Vernunft regieren – so jedenfalls stellt man sich das als Laie vor. Aber auch Ingenieure sind Menschen, und Menschen sind, wie sich in den letzten Jahren erneut gezeigt hat, anfällig für Aberglauben und mysteriöse Geschichten. 


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Eine solch widersprüchliche Figur war auch der 1914 geborene John Whiteside Parsons, der als einer der Pioniere der Raketenantriebsforschung in die Geschichte einging. John Parsons – oder Jack, wie er lieber genannt wurde – war nicht nur Mitbegründer des kalifornischen Jet Propulsion Laboratory (JPL) und der Aerojet Corporation, er war auch dafür bekannt, an Magie nicht nur zu glauben, sondern sie auch selbst zu praktizieren.

Jack Parsons’ Arbeit für das US-amerikanische Raketenprogramm trug während der 1930er und 1940er Jahre maßgeblich dazu bei, weltraumfähige Antriebsstoffe zu entwickeln. Inzwischen haben die Wissenschaftler von JPL mit der damals begonnenen Technik Roboter auf den Mars geschickt, Sonden ins All geschossen und Staub aus dem Schweif von Kometen sammeln können.

Aber Jack Parsons war nicht nur ein Vernunftmensch, er hatte auch eine große Vorliebe für Mystizismus, geheime Kulte und wilde Theorien. Vielleicht gehörte es zum Charakter eines Menschen, der den Traum von der Reise zu den Sternen wahr machen wollte, seiner Fantasie auch in diese Richtung freien Lauf zu lassen.

Wer in den 1920er und 1930er Jahren ein Raketenwissenschaftler war, der wurde dafür schief angesehen und mit großer Skepsis behandelt. Raketen galten damals als pure Science-Fiction, als eine Spinnerei, an die nur verwirrte Geister ernsthaft glauben konnten.

Tatsächlich waren es frühe Science-Fiction-Geschichten, die den jungen Jack für die Idee der Raumfahrt begeisterten. Im Garten seines Zuhauses baute er seine ersten, mit Schwarzpulver betriebenen Raketen und wurde schnell zum Schrecken der Nachbarschaft. Als er und ein Freund sich später mit einem Studenten des kalifornischen Instituts für Technologie zusammentaten, wurden das raketenbegeisterte Trio und seine waghalsigen Experimente unter dem Namen „Suicide Squad“ berühmt-berüchtigt.

Fans von fantastischer Literatur beschränken sich in ihrem Interesse selten auf nur ein Genre und Jack war hier keine Ausnahme. Magie und übernatürliche Phänomene regten seine Vorstellungskraft genauso an – und warum auch nicht, schließlich sagte man ihm überall, seine Ideen von Weltraumraketen seien genauso realitätsfern wie Zauberei und Geisterbeschwörungen. Beides war für ihn eine spannende Herausforderung.

In den 1930er Jahren bildeten sich eine Menge Geheimgesellschaften und Orden, die das Thema Magie sehr ernst nahmen. Eine dieser Gesellschaften war der zu Beginn des Jahrhunderts gegründete Ordo Templi Orientis, eine okkulte Organisation, die heute noch existiert. Seit 1915 wurde der Orden maßgeblich von Aleister Crowley mitgeprägt und ab 1925 auch geleitet.

Aleister Crowley war ein Mann mit vielen Problemen. Streng christlich erzogen und von seinen Eltern und Lehrern misshandelt, rebellierte er als junger Erwachsener mit voller Kraft gegen die Lehren seiner Kindheit. Seine Mutter hatte ihn schon als kleinen Jungen als den Antichristen bezeichnet, und je mehr er sich mit Satanismus und schwarzer Magie beschäftigte, umso mehr hielt er sich auch selbst für den Teufel. Er war Mitglied verschiedener okkulter Organisationen, bis er beschloss, sich selbst zum Kopf einer eigenen zu machen und ergebene Anhänger um sich zu scharen. Das von ihm verfasste „Gesetz von Thelema“ verhöhnte das Christentum, lobte Rücksichtslosigkeit und Hedonismus und verachtete Mitleid und „Schwäche“. 

Der 24-jährige Jack Parsons war von Crowleys Sicht auf die Welt fasziniert. Kein Wunder, denn der als der „schlimmste Mann der Welt“ verrufene Kultist predigte absolute Freiheit und unerschütterliches Selbstvertrauen. Parsons Freunde hielten seine okkulten Interessen zwar für versponnen und abgehoben, aber Parsons selbst fing an, bei jedem Start einer ihrer selbstgebauten Raketen eine Hymne an den Gott Pan zu singen. Die Flammen und Explosionen der Experimente bildeten dazu einen passenden, dramatischen Hintergrund. 

1941 begann die „Suicide Squad“, ihre Raketen an das Militär zu verkaufen. Während die Nachfrage stieg und weitere Forschungen und Entwicklungen freigiebig finanziert wurden, stieg Jack Parsons auch in den Rängen des Ordo Templi Orientis auf. 1942 ernannte Aleister Crowley ihn zum Leiter einer Loge innerhalb des Ordens. 

Parsons experimentierte weiterhin mit verschiedenen Chemikalien, um den perfekten Raketentreibstoff zu kreieren. Sein Können war inzwischen sehr gefragt und geachtet, sein Charakter den meisten Geschäftspartnern jedoch zu exzentrisch und unberechenbar geworden.

Manchmal empfing er Wissenschaftler mit einer lebenden Schlange, die sich um seine Schultern ringelte. Er und sein Geschäftspartner Ed Forman feuerten Pistolen aufeinander ab, um zu sehen, wer von beiden zusammenzucken würde. Als jemand darauf bestand, dass Parsons einen Treibstoff verwenden sollte, den er nicht mochte, jagte er lieber das ganze Benzin in einer großen Explosion in die Luft.

1943 zahlte man Parsons seinen Anteil an Aerojet aus und führte das Unternehmen ohne ihn weiter. Parsons vertiefte sich verstärkt in seine okkulten Interessen. Er steigerte sich so sehr in seine magischen Anrufungen und Rituale hinein, dass selbst seine Ordensbrüder und -schwestern verstört waren. Um diese Zeit lernte er auch einen Mann namens L. Ron Hubbard kennen, der schnell in seinem Zuhause einzog. Hubbard, der später die Sekte Scientology gründen sollte, arbeitete zusammen mit Parsons und dessen Frau Marjorie Cameron an dem Plan, ein sogenanntes „Mondkind“ mit magischer Seele zu zeugen, ein Vorhaben, aus dem zum Glück nichts wurde. Hubbard verließ eines Tages überstürzt Parsons’ Haus, und mit ihm verschwanden 20.000 Dollar, eine Summe, die heutzutage einen Wert von über 308.000 Dollar (etwa 265.000 Euro) hätte.

Der enttäuschte und gekränkte Parsons fiel in eine Spirale aus Selbstzweifeln und Depressionen. Am 17. Juni 1952 gab es auf seinem Anwesen wieder einmal eine gewaltige Explosion. Jack Parsons hatte mit Knallquecksilber experimentiert und dieses Mal kam er nicht ungeschoren davon. Man fand ihn, umgeben von Pentagrammen, chemischen Formeln und okkulten Zeichnungen. Er starb wenig später an seinen Verletzungen. Der Vater des modernen Raketenantriebs wurde nur 37 Jahre alt.

17 Jahre später landeten Menschen mithilfe der von ihm entwickelten Antriebsstoffe zum ersten Mal auf dem Mond und seit 1970 gibt es dort einen Krater, der nach Parsons benannt wurde. Sein wildes und kurzes Leben hat die Geschichte für immer geprägt.

Quelle: vice

Vorschaubild: ©Facebook/SciBabe

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